Rat- und Kopflosigkeit im Bundeshaus
December 2nd, 2009
Zu allem Übel schreibt die NZZ heute unter dem Titel Ratlosigkeit im Bundeshaus noch:
Nach dem Ja zur Minarettinitiative herrscht im Parlament Uneinigkeit darüber, ob spezifischere Spezialgesetze gegen Muslime zu erlassen seien.
Einmal abgesehen davon, dass sogar Fischers Fritz mit der Aussprache Mühe hätte, muss man sich fragen, ob das aufgescheuchte Huhn, das diese Formulierung fallen gelassen hat, in der NZZ-Redaktion oder im Parlament sitzt. Reichskristallnachtiger als “spezifischere Spezialgesetze gegen Muslime” hätte es auch das Initiativkomitee nicht ausdrücken können. Dürfen wir aufatmen, weil im Parlament darüber wenigstens Uneinigkeit herrscht?
All dies nachdem Bundesrätin Widmer-Schlumpf erklärt hat:
Sie habe den Eindruck erhalten, die Ministerrunde habe verstanden, dass sich das Verbot nicht gegen eine Religion oder eine Kultur richte, sondern lediglich gegen Gebäude, und dass ein solches Resultat zu den Risiken der direkten Demokratie gehöre.
Mir scheint, dass – abgesehen von “57.5 % Ja bei 53.4 % Beteiligung” – niemand weiss, was das Demos letzten Sonntag eigentlich genau kratiert hat. Um ein reines Gebäudeverbot kann es sich nicht gehandelt haben, genausowenig braucht es jetzt aber ein Spezialgesetz gegen Muslime.
1 CommentEine Peinlichkeit für wen?
December 1st, 2009
Das Abstimmungsresultat selbst will ich hier nicht kommentieren. Aber…
Der Tagesanzeiger (Bild 6 von 21) zitiert (übersetzt) einen Artikel der New York Times wie folgt:
Das Ja sei eine «grosse Peinlichkeit für die neutrale Schweiz», zumal die Regierung zuvor noch ausdrücklich zu einer Ablehnung der Intitiative empfohlen hatte.
Im Original aber steht:
If confirmed, the result would be a huge embarrassment for the neutral Swiss government, which had warned that amending the constitution to ban construction of minarets could serve [sic] could “serve the interests of extremist circles.”
Man muss schon Journalist sein, um so sorglos und selbstsicher jemanden falsch zu zitieren.
Es mag pingelig tönen, aber zwischen den beiden Texten besteht ein fundamentaler Unterschied. Wenn die New York Times schreibt, es sei eine Peinlichkeit für die neutrale Schweizer Regierung, dann meint sie damit
- vielleicht dass die Regierung das Resultat dummerweise nicht vorausgesehen hat
- und/oder dass die Regierung hätte in der Lage sein sollen, das Volk in ihrem Sinne zu überzeugen.
Mitnichten aber ist das Resultat eine Peinlichkeit für die Schweiz als solche, und anscheinend erst recht nicht für 57.5% der Wähler.
Dem besagten Journalisten hätte ebenfalls auffallen müssen, dass der von ihm zitierte Artikel zu den Nachrichten gehört und nicht etwa eine Kolumne ist, wo man eher etwas als eine Peinlichkeit darstellen könnte.
Was übrigens das Wort “neutral” in diesem Kontext verloren hat ist mir nicht ganz klar. Der Artikel der New York Times spricht zudem von einem Referendum, was zumindest in der Schweiz auch nicht der korrekte Begriff ist. Und mein Sprachgefühl sagt mir, dass man “zu etwas rät” oder “etwas empfiehlt” aber nicht “zu etwas empfiehlt”.
Das Wort Intitiative kenne ich nicht.
Update: Habe ein [sic] hinzugefügt, um den Fehler im Artikel der NYTimes zu kennzeichnen. Auch wenn ich den Fehler zu verantworten hätte, würde das meinen Vorwurf der konzeptuellen Fahrlässigkeit nicht abschwächen; Fehltipper können passieren, sie sind und bleiben auch für mich Nebensache.
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