Zitierweise und -dichte
March 28th, 2010
Wissenschaft = etwas zu sagen haben?, NZZ Campus, 20.03.2010
Vom ersten bis zum neunten Semester schreiben Studierende der Rechtswissenschaften an der Uni Luzern gerademal vier Arbeiten, wobei die ersten zwei ausschliesslich anhand formeller Kriterien wie Zitierweise und -dichte, Umfang und Mehrsprachigkeit des Literaturverzeichnisses, Formatierung und Rechtschreibung bewertet werden.
Der Satz hat mich einen ganzen Tag lang zum Schmunzeln gebracht.
Leave a commentDer alte Mann und die Tiefsee
March 21st, 2010
Die US-Armee wollte nicht, dass ich tauche, sie wollten zwei Amerikaner hinunterschicken. Sie haben sogar einen Anwalt nach Guam geschickt und mir gesagt: Monsieur Piccard, Ihre Rolle ist beendet, Sie haben das Bathyscaphe der amerikanischen Armee verkauft. Aber ich hatte einen Vertrag mit der amerikanischen Marine, der mir das Recht einräumte, bei jedem besonderen Tauchgang dabei zu sein. Sie schauten sich den Vertrag an und sagten, die Unterschrift stamme von jemandem, der schon gestorben sei. Ich fragte sie: Wer hat 1776 Ihre Unabhängigkeitserklärung unterschrieben? Da lenkten sie ein.
Ein faszinierendes Interview mit Jacques Piccard. Kein Mensch ist je tiefer getaucht als er. Er ist auch der Vater von Bertrand Piccard, der als erster die Welt in einem Ballon umrundete und dessen aktuelles Projekt Solar Impulse ist.
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March 16th, 2010
We could have died in the fire that erupted last night in our building.
Do you know where the emergency exits in your building are? Can you handle a fire extinguisher?
My flatmate was awake at 3 a.m. when he noticed a particularly pungent stench. He checked all the rooms in our apartment only to realize that the stench was coming from the hallway. One of his first thoughts was that an apartment could have taken fire. While talking to the police on his mobile phone he went looking for the source. He went down eight flights of stairs checking every apartment door until he got to the entrance. The smoke made it hard to see and breathe.
We didn’t die and I’m still blogging. The boring truth is that my other flatmate and I slept like babies, while he saw that the fire was located at the main door and managed to put it out.
My flatmates had left while I was asleep this morning, so I was completely uninformed. About to go to university, I was amazed and slightly amused by the fact that I didn’t have to open the entrance door because there was none. A part of the carpet was charred and the surrounding ceiling had changed from white to blackish. I quickly took some pictures and asked the portiere about what happened. He told me that my flatmate had put out the fire. I continued my journey to the lecture that for some reason didn’t take place. When I got home my flatmate gave me his account of the night:
The police had arrived quite subito and the firefighters came running some 20 minutes after the alarm. When they saw that the fire had already been put out they turned around and left without even wanting to make a guess about how it could have initiated. Neither did the police, telling my flatmate that we would have to accuse someone if we wanted them to conduct an investigation. Then they left, too. Now the administration of the building will have the entrance cleaned up and the door and carpet replaced and nobody will know what set the door on fire. Except the guys who did it.
I have a friend who once filmed his neighbour’s house burning down. When the police asked him to testify a couple of days later he showed them his video, complete with some dramatic movie soundtrack, as he later recounted with a big grin on his face. I played around with some imaging software to make the photograph look more frightening, but I failed and so I’m showing the original.
I guess what could have been a pretty dramatic story in the end amounts to nothing much and therefore joins the many news articles with that same fate. Remember what Chesterton said: Journalism largely consists of saying ‘Lord Jones is Dead’ to people who never knew that Lord Jones was alive.
Just make sure you know where the emergency exits in your building are.
5 CommentsTausend leere Worte und ein Bild
March 13th, 2010
Wenn Medien zunehmend vom Papier zum Bildschirm migrieren ist auch in traditionsreichen Häusern die Versuchung gross, den News hinterher zu kläffen wie übereifrige Wachhunde vorbeifahrenden Autos. Mein persönlicher Paradepudel ist Marco Metzler, bei dem mir absolut unerklärlich ist, wieso man ihn auf der Webseite der NZZ wüten lässt.
Sein bis heute unübertroffenes Glanzstück ist das Interview (englisch) mit Reid Hoffman, Gründer des sozialen Netzwerks LinkedIn. Die erste Frage ist ein thematischer Querschläger, und entsprechend abrupt wechselt er zur zweiten, die ihn so zu bewegen scheint, dass er sie gleich drei Mal hintereinander stellt. Seine Unfähigkeit, die Aussagen seines Gegenübers in Echtzeit zu verarbeiten und wenn nötig von seinem starren Drehbuch abzuweichen, verleiht der Sendung das unheimliche Gefühl gewisser Reality-Shows, deren hauptsächliche Faszination es ist, anderen dabei zuzuschauen, wie sie sich vor versammeltem Publikum blamieren. Einfallslose Journalisten mit einflussreichen Persönlichkeiten zu paaren ist ein schlechtes Rezept für den Ruf einer Zeitung.
Aber nicht genug: In der ständig zunehmenden Flut von Wirtschaftsnachrichten sichtet unser Online-Redaktor mit dem martialischen Kürzel mtz., der seine ersten journalisitischen [sic] Erfahrungen bei 20 Minuten gesammelt hat, zuverlässig heranrollende freak waves und setzt sein ganzes Arsenal von Klischees und Metaphern ein, um der beunruhigten Leserschaft mit den Worten anderer seine sensationalistischen Häppchen zu servieren. Sein neulicher, von bedeutungsschwangeren Fragezeichen durchsäter Artikel zu den Staatsschulden gewisser Industriestaaten wird gekrönt durch ein aussagekräftiges Bild einer Explosion mit der Legende “Die steigenden Staatsschulden bilden ein explosives Gemisch und bergen viel Zündstoff.” (Bemerkung 04. Juli 2010: Das Bild wurde inzwischen geändert.)
Handbuch des kritischen Journalismus, Seite 43: Falls eine Metapher – oder eine hohle Phrase – der Sprachlosigkeit des Journalisten oder der Journalistin nur unbefriedigend Ausdruck verleiht, kann er oder sie ganz einfach mit dem Zauberwörtchen “und” eine zweite anhängen. Denn: Doppelt genäht hält besser und “better to be safe than sorry”.
Meine Tirade als toten Fisch an Herrn Metzlers Adresse zu betrachten wäre aber verfehlt. Im selben Blatt gehen auch andere Journalisten mit ähnlichen Methoden vor – es sei denn unser Hauptangeklagter hatte auch dort seine Finger im Spiel.
Wieso ich das alles schreibe, den halben Nachmittag verbringe mit Lesen und Löschen, immer und immer wieder Fakten überprüfe und an meiner Meinung feile? Um es mit den Worten eines Mannes zu sagen, der eine brilliante Kolumne zur Beerdigung von John F. Kennedy geschrieben hat:
“Rage is the only quality which has kept me, or anybody I have ever studied, writing columns for newspapers.”
Ich bin kein Kolumnist und mein Blog ist keine Zeitung, aber das Zitat trifft den Kern der Sache; jetzt da mein Ärger verflogen ist kann ich mich wieder anderen Dingen zuwenden. Und hoffe in meiner Lieblingszeitung auf mehr Biss und weniger Bellen, mehr Fleisch und weniger Knochen, mehr gewürzte Analysen anstatt roher News.
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