Tausend leere Worte und ein Bild

March 13th, 2010

Wenn Medien zunehmend vom Papier zum Bildschirm migrieren ist auch in traditionsreichen Häusern die Versuchung gross, den News hinterher zu kläffen wie übereifrige Wachhunde vorbeifahrenden Autos. Mein persönlicher Paradepudel ist Marco Metzler, bei dem mir absolut unerklärlich ist, wieso man ihn auf der Webseite der NZZ wüten lässt.

Sein bis heute unübertroffenes Glanzstück ist das Interview (englisch) mit Reid Hoffman, Gründer des sozialen Netzwerks LinkedIn. Die erste Frage ist ein thematischer Querschläger, und entsprechend abrupt wechselt er zur zweiten, die ihn so zu bewegen scheint, dass er sie gleich drei Mal hintereinander stellt. Seine Unfähigkeit, die Aussagen seines Gegenübers in Echtzeit zu verarbeiten und wenn nötig von seinem starren Drehbuch abzuweichen, verleiht der Sendung das unheimliche Gefühl gewisser Reality-Shows, deren hauptsächliche Faszination es ist, anderen dabei zuzuschauen, wie sie sich vor versammeltem Publikum blamieren. Einfallslose Journalisten mit einflussreichen Persönlichkeiten zu paaren ist ein schlechtes Rezept für den Ruf einer Zeitung.

Aber nicht genug: In der ständig zunehmenden Flut von Wirtschaftsnachrichten sichtet unser Online-Redaktor mit dem martialischen Kürzel mtz., der seine ersten journalisitischen [sic] Erfahrungen bei 20 Minuten gesammelt hat, zuverlässig heranrollende freak waves und setzt sein ganzes Arsenal von Klischees und Metaphern ein, um der beunruhigten Leserschaft mit den Worten anderer seine sensationalistischen Häppchen zu servieren. Sein neulicher, von bedeutungsschwangeren Fragezeichen durchsäter Artikel zu den Staatsschulden gewisser Industriestaaten wird gekrönt durch ein aussagekräftiges Bild einer Explosion mit der Legende “Die steigenden Staatsschulden bilden ein explosives Gemisch und bergen viel Zündstoff.” (Bemerkung 04. Juli 2010: Das Bild wurde inzwischen geändert.)

Handbuch des kritischen Journalismus, Seite 43: Falls eine Metapher – oder eine hohle Phrase – der Sprachlosigkeit des Journalisten oder der Journalistin nur unbefriedigend Ausdruck verleiht, kann er oder sie ganz einfach mit dem Zauberwörtchen “und” eine zweite anhängen. Denn: Doppelt genäht hält besser und “better to be safe than sorry”.

Meine Tirade als toten Fisch an Herrn Metzlers Adresse zu betrachten wäre aber verfehlt. Im selben Blatt gehen auch andere Journalisten mit ähnlichen Methoden vor – es sei denn unser Hauptangeklagter hatte auch dort seine Finger im Spiel.

Wieso ich das alles schreibe, den halben Nachmittag verbringe mit Lesen und Löschen, immer und immer wieder Fakten überprüfe und an meiner Meinung feile? Um es mit den Worten eines Mannes zu sagen, der eine brilliante Kolumne zur Beerdigung von John F. Kennedy geschrieben hat:

“Rage is the only quality which has kept me, or anybody I have ever studied, writing columns for newspapers.”

Ich bin kein Kolumnist und mein Blog ist keine Zeitung, aber das Zitat trifft den Kern der Sache; jetzt da mein Ärger verflogen ist kann ich mich wieder anderen Dingen zuwenden. Und hoffe in meiner Lieblingszeitung auf mehr Biss und weniger Bellen, mehr Fleisch und weniger Knochen, mehr gewürzte Analysen anstatt roher News.

Leave a comment