Le zanzare (2)
February 11th, 2011
Ein überarbeiteter Blogartikel. Ziel war es, das Original auf etwa 2000 Zeichen zu kürzen. Wenn jemand das Original und die überarbeitete Version vergleichen und mir ein Feedback geben möchte, so würde mich das freuen.
Gewisse italienische Wörter lerne ich hier in Florenz so, dass ich sie garantiert nie mehr vergesse.
So drehe ich zum Beispiel meine Runden in einem Supermarkt kurz vor dessen Schliessung und finde ein bestimmtes Produkt einfach nicht. Ich bin kurz vor dem Aufgeben, als eine Angestellte des Supermarkts daherkommt. “Entschuldigen Sie mein Italienisch, aber…”, beginne ich zögernd. “Dimmi”, lächelt sie freundlich. Nun gibt es kein Zurück mehr.
“Wie heissen die Tiere, die in der Nacht…. bsss, piek!”, frage ich und führe mit den Fingern einen kurvenreichen Landeanflug auf eine freie Hautfläche aus. Ich suche Mückenmittel und sie versteht das sofort.
“Le zanzare. Komm mit!”, sagt sie und eilt schnurstracks zu einem Regal zwischen Kakteen und Kartoffeln. “Sie heissen le zanzare”, sagt sie nochmals lachend, während ich mir Mühe gebe Schritt zu halten. Das Produkt sei leider ausverkauft, sagt sie und zeigt auf ein leeres Regal. Meine Frage, ob es denn bald wieder verfügbar sei, verneint sie mit der Bemerkung, das sei eben ein saisonales Produkt.
“Aber bei mir zuhause hat es immer noch Mücken”, erkläre ich meinen nicht saisongerechten Wunsch. “Bei mir auch, aber ich habe mich daran gewöhnt!”, lacht sie, als gäbe es keinen schöneren Gedanken. Ich bedanke mich und steuere auf eine Kasse zu, wo die Verkäuferin mit verschränkten Armen sitzt und offenbar nichts zu tun hat. „Diese Kasse ist geschlossen“, murrt sie, als ich meine Produkte auf das Förderband lege.
“Mach’s trotzdem”, ruft in dem Moment die fröhliche Dame von vorhin, und die Verkäuferin nimmt widerwillig ihre Arbeit wieder auf. Zu meinem Vergnügen stellt sich noch eine andere Kundin an die selbe Kasse.
Wie auf Befehl vertreibt in der folgenden Nacht ein frischer Wind das lästige Insekt und Kälte kriecht über die Toskana. Jeder Gedanke an Mücken erübrigt sich, und wie sie vom Wind vertrieben wurden, vertilgt die Zeit jene Worte aus meinem Vokabular, die mir zu selten über die Lippen kommen.
Nur das Wort für Mücken trotzt dem Vergessen wie die schwungvolle Angestellte der herrschenden Trägheit.
3 CommentsDer toskanische Dialekt (fortgesetzt)
May 2nd, 2010
Über die Besonderheiten des toskanischen Dialekts habe ich schon geschrieben. Die Erfahrungen, die ich seit dann gemacht habe, gebe ich hier zur allgemeinen Belehrung und/oder Belustigung wieder. Ich möchte aber gleich vorneweg differentialdiagnostisch festhalten, dass sich der toskanische Dialekt in der Aussprache noch stärker von den anderen Dialekten unterscheidet als in der Grammatik und deshalb zur zweifelsfreien Identifizierung oft Hörproben notwendig sind.
Beispiel 1: Kino
Wie schon erklärt wird ein Verb in der ersten Person plural häufig durch die impersonale Form ersetzt. So wird hier andiamo zu si va. Garbare ist typisch toskanisch und bedeutet nichts anderes als piacere. Avoglia heisst je nach Zusammenhang (ja) gerne oder sehr, zu viel. Eine nicht nur in der Toskana verbreitete Kuriosität ist die Verdoppelung eines Pronomens im Dativ. Aus a me oder mi wird a me mi. Monte heisst in diesem Zusammenhang so viel wie molto.
Senti, si va al cinema stasera? C’è il nuovo film di George Clooney se ti garba…
Avoglia! A me mi piace monte George Clooney.
Beispiel 2: Faccio und vado
(Io) faccio wird häufig zu fo, (io) vado wird zu vo. Wer ankündigt, dass er nicht alles essen wird, was auf seinem Teller ist, oder allgemein etwas nicht schafft, sagt
Non ce la fo!
Beispiel 3: Tu wird zu te, findet aber Anwendung in anderen Situationen
Tu wird in der Toskana konsequent durch te ersetzt, wie in ma te l’hai dato l’esame?. Dafür setzt man tu an Stellen ein, wo andere Italiener es schlicht weglassen würden, wie zum Beispiel:
Ma che tu fai? (Was machst du denn?)
Tu vedrai! (Wirst schon sehen!)
Beispiel 4: Aussprache
Ein famoser Satz, der verdeutlichen soll, wie ‘c’ als ‘h’ ausgesprochen wird, ist:
La hoha hola hon la hannuccia horta e holorata.
Beispiel 5: Etwas für die Ohren
Wer schon Italienisch versteht und wissen möchte, wie sich das Ganze anhört, kann sich jetzt ansehen, wie James Bond in toskanischem Dialekt mezza porzione di ribollita e acqua della cannella bestellt und seine Tanzpartnerin um 5000 Lire bittet:
Wer dann noch Lust auf mehr hat, kann den Wikipedia-Artikel über den dialetto toscano lesen.
Leave a commentDer toskanische Dialekt
October 23rd, 2009
Der florentinische Dialekt ist zwar seit dem Risorgimento im 19. Jahrhundert die Einheitssprache, das heisst aber nicht, dass man dort heute Italienisch wie im Lehrbuch spricht.
Bis jetzt sind mir 3 wesentliche Unterschiede zum Schulitalienisch aufgefallen:
- Anstatt der ersten Person plural wird häufig die unpersönliche dritte Person verwendet (analog zum Französischen, wo man umgangssprachlich häufig “nous” durch “on” ersetzt):
- “Andiamo al cinema” wird zu “Si va al cinema”.
- “Ci vediamo” (“wir sehen uns”) wird zu “ci si vede”.
- Schockierender (und in der Schulgrammatik schlichtweg falsch) ist jedoch, dass das Pronomen “tu” konsequent durch “te” ersetzt wird.
- Als ich letzthin in einer Mensa gedankenverloren zu meinem primo, secondo und contorno noch einen Salat nahm, sagte mir die Kassierin kopfschüttelnd: “Te hai un pezzo di più!”
- Der Konsonant “c” wird, wenn er laut den gängigen Ausspracheregeln (vor a, o, u, h etc.) “hart” ausgesprochen wird (im Gegensatz zum “c” in “cinghiale”), eher wie im Deutschen ein “ch” oder sogar ein “h” ausgesprochen.
- Das führt dann dazu dass ich, frisch geschoren vom Friseur kommend, von einem wildfremden Italiener angesprochen werde und nur “hapelli horti” verstehe.
Wer mehr oder Genaueres weiss, darf mich gerne korrigieren und ergänzen.
3 CommentsLe zanzare
October 13th, 2009
Auch wenn man das Gefühl hat, eine Sprache immer besser zu beherrschen und eigentlich schon recht viel zu verstehen, wird einem in gewissen Situationen schmerzlich bewusst, dass es mit den Sprachkenntnissen – oder zumindest dem Vokabular – doch noch nicht so weit her ist.
Am Montag zum Beispiel stehe ich ca. um 20:45 ich in einem für Schweizer Verhältnisse ziemlich grossen Supermarkt kurz vor dessen Schliessung und bin auf der Suche nach einem ganz spezifischen Produkt, das ich trotz mehreren Runden durch die – meiner Ansicht nach – in Frage kommenden Regale nicht finden kann. Das Hauptproblem ist dabei, dass ich keine Ahnung habe, wie das Produkt auf Italienisch heissen könnte, und darum jede ähnlich aussehende Verpackung genauer studieren muss.
Als ich eigentlich kurz vor dem Aufgeben bin, reisse ich mich doch noch zusammen und spreche die nächste Frau an, die daherkommt und so aussieht, als ob sie hier arbeiten würde.
“Scusa, non parlo bene l’italiano, ma…”
“Dimmi”, lächelt sie freundlich. Nun gibt es kein Zurück mehr.
“Come si chiamano quelli che di notte…. Bsssss. Piek!” Um jedes Missverständnis auszuräumen, führe ich mit an der Spitze zusammengelegten Fingern einen kurvenreichen Landeanflug auf eine freie Hautfläche aus.
“Le zanzare! Vieni con me”, sagt sie und läuft schnurstracks in eine Ecke, wo ich garantiert nie gesucht hätte. Das Produkt könnte aber ausverkauft sein, zögert die sehr kompetent wirkende Angestellte einen Moment, um dann trotzdem energisch weiterzueilen.
“Si chiamano le zanzare”, sagt sie nochmals, vielleicht um mein verlegenes Schweigen zu überbrücken, und lacht herzhaft. Als wir beim Regal ankommen, weist sie auf den leeren Platz und sagt, eigentlich müsste es da sein, aber es sei offensichtlich ausverkauft. Meine Frage, ob es denn bald wieder verfügbar sei, verneint sie mit dem Hinweis, das sei eben ein saisonales Produkt.
“Ma da me ci sono sempre”, versuche ich auf dem Weg zurück meinen offensichtlich nicht saisongerechten Wunsch zu erklären.
“Anche da me! Però con il tempo mi sono abituato.” Und wieder lacht sie, als gäbe es keinen schöneren Gedanken.
Ich bedanke mich und steuere auf eine Kasse zu, wo die Verkäuferin mit verschränkten Armen sitzt und offensichtlich nichts zu tun hat. Als ich meine Produkte auf das Förderband legen will, erklärt sie, diese Kasse sei geschlossen.
“Fallo pure”, ruft in dem Moment die Dame von vorhin in unsere Richtung, und die Verkäuferin nimmt ihre Arbeit wieder auf. Zu meinem Vergnügen stellt sich auch noch eine andere Kundin an die selbe Kasse.
In der folgenden Nacht setzt ein frischer Wind ein, der die Temperatur wahrscheinlich unter das Mückenlimit fallen lässt, denn ich höre und spüre keine mehr. Dafür wache ich morgens um sechs Uhr auf und gehe die wild gewordenen Fenster und Balkontüren schliessen, die in den letzten 3 Wochen nonstop offen waren.
Als ich heute mit meiner Mitbewohnerin in der Küche stehe und ihr genau dieselbe Geschichte erzähle, kenne ich das Wort für Balkontüre nicht.
Aber mit den Händen spricht es sich genau so gut.
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