Der alte Mann und die Tiefsee
March 21st, 2010
Die US-Armee wollte nicht, dass ich tauche, sie wollten zwei Amerikaner hinunterschicken. Sie haben sogar einen Anwalt nach Guam geschickt und mir gesagt: Monsieur Piccard, Ihre Rolle ist beendet, Sie haben das Bathyscaphe der amerikanischen Armee verkauft. Aber ich hatte einen Vertrag mit der amerikanischen Marine, der mir das Recht einräumte, bei jedem besonderen Tauchgang dabei zu sein. Sie schauten sich den Vertrag an und sagten, die Unterschrift stamme von jemandem, der schon gestorben sei. Ich fragte sie: Wer hat 1776 Ihre Unabhängigkeitserklärung unterschrieben? Da lenkten sie ein.
Ein faszinierendes Interview mit Jacques Piccard. Kein Mensch ist je tiefer getaucht als er. Er ist auch der Vater von Bertrand Piccard, der als erster die Welt in einem Ballon umrundete und dessen aktuelles Projekt Solar Impulse ist.
Leave a commentTausend leere Worte und ein Bild
March 13th, 2010
Wenn Medien zunehmend vom Papier zum Bildschirm migrieren ist auch in traditionsreichen Häusern die Versuchung gross, den News hinterher zu kläffen wie übereifrige Wachhunde vorbeifahrenden Autos. Mein persönlicher Paradepudel ist Marco Metzler, bei dem mir absolut unerklärlich ist, wieso man ihn auf der Webseite der NZZ wüten lässt.
Sein bis heute unübertroffenes Glanzstück ist das Interview (englisch) mit Reid Hoffman, Gründer des sozialen Netzwerks LinkedIn. Die erste Frage ist ein thematischer Querschläger, und entsprechend abrupt wechselt er zur zweiten, die ihn so zu bewegen scheint, dass er sie gleich drei Mal hintereinander stellt. Seine Unfähigkeit, die Aussagen seines Gegenübers in Echtzeit zu verarbeiten und wenn nötig von seinem starren Drehbuch abzuweichen, verleiht der Sendung das unheimliche Gefühl gewisser Reality-Shows, deren hauptsächliche Faszination es ist, anderen dabei zuzuschauen, wie sie sich vor versammeltem Publikum blamieren. Einfallslose Journalisten mit einflussreichen Persönlichkeiten zu paaren ist ein schlechtes Rezept für den Ruf einer Zeitung.
Aber nicht genug: In der ständig zunehmenden Flut von Wirtschaftsnachrichten sichtet unser Online-Redaktor mit dem martialischen Kürzel mtz., der seine ersten journalisitischen [sic] Erfahrungen bei 20 Minuten gesammelt hat, zuverlässig heranrollende freak waves und setzt sein ganzes Arsenal von Klischees und Metaphern ein, um der beunruhigten Leserschaft mit den Worten anderer seine sensationalistischen Häppchen zu servieren. Sein neulicher, von bedeutungsschwangeren Fragezeichen durchsäter Artikel zu den Staatsschulden gewisser Industriestaaten wird gekrönt durch ein aussagekräftiges Bild einer Explosion mit der Legende “Die steigenden Staatsschulden bilden ein explosives Gemisch und bergen viel Zündstoff.” (Bemerkung 04. Juli 2010: Das Bild wurde inzwischen geändert.)
Handbuch des kritischen Journalismus, Seite 43: Falls eine Metapher – oder eine hohle Phrase – der Sprachlosigkeit des Journalisten oder der Journalistin nur unbefriedigend Ausdruck verleiht, kann er oder sie ganz einfach mit dem Zauberwörtchen “und” eine zweite anhängen. Denn: Doppelt genäht hält besser und “better to be safe than sorry”.
Meine Tirade als toten Fisch an Herrn Metzlers Adresse zu betrachten wäre aber verfehlt. Im selben Blatt gehen auch andere Journalisten mit ähnlichen Methoden vor – es sei denn unser Hauptangeklagter hatte auch dort seine Finger im Spiel.
Wieso ich das alles schreibe, den halben Nachmittag verbringe mit Lesen und Löschen, immer und immer wieder Fakten überprüfe und an meiner Meinung feile? Um es mit den Worten eines Mannes zu sagen, der eine brilliante Kolumne zur Beerdigung von John F. Kennedy geschrieben hat:
“Rage is the only quality which has kept me, or anybody I have ever studied, writing columns for newspapers.”
Ich bin kein Kolumnist und mein Blog ist keine Zeitung, aber das Zitat trifft den Kern der Sache; jetzt da mein Ärger verflogen ist kann ich mich wieder anderen Dingen zuwenden. Und hoffe in meiner Lieblingszeitung auf mehr Biss und weniger Bellen, mehr Fleisch und weniger Knochen, mehr gewürzte Analysen anstatt roher News.
Leave a commentBasler Fasnacht
February 25th, 2010
“Reduit, ruggwärts, marsch!”, NZZ vom 24. Februar 2010
Leave a commentDer alt Gadaffi in sym Zält
versegglet fröölig d Schwyz und d Wält .
Obb Muhammar, obb Hannibal,
s hett jeede uff sy Aart e Gnall.
Für d Bäärner Manndli – biider grau –
isch dä Wieschtefuggs vyyl z schlau.
Greyerzer hat Emmentaler überholt
January 29th, 2010
Greyerzer hat Emmentaler überholt, NZZ, 29. Januar 2010
Dass der Greyerzer den Emmentaler früher oder später überholen würde ist nicht erstaunlich, sondern, wie jede gereifte und ausgeglichene Person zugeben muss, eine unvermeidbare Konsequenz seines in jeder Hinsicht überlegenen Charakters.
Ebensowenig erstaunlich ist aber auch, dass im Exportgeschäft der Emmentaler dem Gruyère immer noch voraus ist. Wer einmal als Schweizer im Ausland gelebt hat, hat einsehen müssen, dass der Schweizer Käse einfach “der mit den Löchern” ist, wie Google eindrücklich beweist.
Erstaunlich ist hingegen, was Wikipedia zu Swiss cheese zu sagen hat:
The largest manufacturer of Swiss cheese in the world is Brewster Dairy, located in Brewster, Ohio.
Dass die Zeit der geistigen Landesverteidigung vorbei ist, war mir schon bewusst, aber dass sich der grösste Produzent von “Schweizer Käse” in Ohio befindet, bricht einem Patrioten wie mir das Herz. Wenigstens müssen sich auch die Amerikaner auf die Hilfe des lactobacillus helveticus verlassen. Dem nützlichen Kerlchen müsste man einen Titel wie Commander of the Order of the Swiss Empire verleihen, vielleicht tut es aber auch die Emmi-Medaille.
Entschuldigung, hier fällt mir auf, dass die Schweizer Mentalität – wobei man in diesem Fall durchaus “Schweizer Gesetzgebung” verstehen darf – Orden zutiefst abgeneigt ist:
Artikel 12 besagt, dass die Mitglieder der Bundesbehörden, die eidgenössischen Civil- und Militärbeamten und die eidgenössischen Repräsentanten oder Kommissarien von auswärtigen Regierungen weder Pensionen oder Gehalte, noch Titel, Geschenke oder Orden annehmen dürfen.
Nachdem ich heute einer Französin die Bedeutung von SBB CFF FFS und CH erklärt habe, kann ich es mir nicht verkneifen zu bemerken, dass das Historische Lexikon der Schweiz für seine Webseite in urschweizerischster Tradition die Adresse http://www.hls-dhs-dss.ch/ gewählt hat. Fast hätte ich jetzt angefügt: Wir machen es kompliziert, aber allen Recht. Allerdings bestätigt ein kurzer Versuch, was meine Schweizerseele erahnt, nämlich … ?
Ich offeriere 1 kg Patriotismus mit einer Prise Verantwortungsbewusstsein, einem Schuss Bünzligeist und wahlweise öffentlicher Bescheidenheit oder kaschiertem Stolz derjenigen Person, die als erste des Rätsels korrekte Lösung in einem Kommentar abliefert.
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